Depesche

An den, der dies liest

Eine Depesche aus Narethûn

Du bist also hier.

Das ist bemerkenswert.

Nicht, weil dieser Ort verborgen wäre.
Verborgenes kann gefunden werden.

Nein. Bemerkenswert ist, dass du den Weg hierher genommen hast, obwohl dir vermutlich niemand sagen konnte, wohin er führt.

Man nennt dieses Land Narethûn.

Zumindest nennen wir es heute so.

Es ist ein alter Name. Vielleicht älter als die Sprache, in der ich ihn niederschreibe. Manche behaupten, er bedeute das Land, das geblieben ist. Andere sagen, dies sei lediglich eine jener Erklärungen, die Menschen erfinden, wenn sie vergessen haben, was ein Wort einst bedeutete.

Beides mag wahr sein.

Narethûn ist alt.

Älter als seine Königreiche.
Älter als seine Tempel.
Älter vielleicht sogar als seine Götter.

Es gab Zeiten, in denen Städte über den Wolken zogen und andere unter den Meeren lagen, geschützt von Kuppeln aus Kristall. Es gab Tore, durch die man keinen anderen Raum betrat, sondern den Raum zwischen den Räumen.

Von alldem sind Spuren geblieben.

Ruinen.

Zeichen.

Lieder, deren Melodien eine Note enthalten, die kein Instrument zu spielen vermag.

Und gelegentlich eine Tür, wo gestern noch eine Wand gewesen ist.

Die Gelehrten streiten darüber, was mit den Alten geschah.

Das tun Gelehrte gern.

Ich halte ihre Antworten für weniger bedeutsam als die Tatsache, dass manche ihrer Türen sich wieder öffnen.

Vielleicht wirst du hier von den Zwölf lesen.

Vielleicht wirst du auf den Namen Mû stoßen.

Und wenn du lange genug bleibst, wirst du vermutlich auch vom Ûm hören.

Sollte das geschehen, merke dir eines:

Wenn du glaubst, etwas aus dem Augenwinkel gesehen zu haben, wende dich nicht sofort danach um.

Nicht alles, was bemerkt werden möchte, sollte angesehen werden.

Diese Seiten enthalten Depeschen, Briefe, Berichte und Fragmente aus Narethûn. Manche stammen von mir. Andere gelangten auf Wegen zu mir, über die ich lieber schweige.

Ich werde sie nicht für dich ordnen.

Narethûn ist kein Buch, das man von der ersten bis zur letzten Seite liest.

Es ist ein Land.

Und Länder offenbaren ihre Geheimnisse nicht in der richtigen Reihenfolge.

Lies also.

Zweifle.

Merke dir, was dir unwichtig erscheint.

Und solltest du irgendwann auf ein Zeichen stoßen, das du schon einmal gesehen zu haben glaubst, obwohl du mit Gewissheit weißt, dass dies unmöglich ist …

… dann beginnt deine Reise vermutlich erst.

Mae Lûs Ian
von der Burg über der Küste

Gesiegelt in der Stunde zwischen Licht und Dunkel.